Schwarztee-Getränke für Kinder erobern die Supermarktregale mit bunten Verpackungen und dem Versprechen natürlicher Zutaten. Doch hinter dem gesund wirkenden Image verbirgt sich ein massives Problem: Viele dieser Produkte enthalten erschreckende Mengen an Zucker und Koffein, die für kleine Kinder völlig ungeeignet sind. Die Nährwerttabellen auf den Verpackungen verschleiern diese Tatsache durch geschickte Tricks, die selbst aufmerksame Eltern in die Irre führen.
Wenn harmlose Verpackungen täuschen
Frische Früchte, natürliche Farben und strahlende Kindergesichter dominieren die Frontseite vieler Teegetränke. Die Produktnamen suggerieren Gesundheit mit Begriffen wie „natürlich“, „mit echtem Tee“ oder „Fruchtgeschmack“. Diese Marketing-Strategie funktioniert perfekt, denn viele Eltern greifen zu diesen Getränken in der Überzeugung, ihren Kindern etwas Gutes zu tun. Die eigentliche Wahrheit versteckt sich auf der Rückseite in winzigen Buchstaben – in einer Nährwerttabelle, die gezielt so gestaltet ist, dass der hohe Zuckergehalt nicht sofort ins Auge springt.
Der Portionsgrößen-Trick entlarvt
Hier beginnt die erste große Täuschung: Die Nährwertangaben beziehen sich fast nie auf den gesamten Flascheninhalt, sondern auf 100 Milliliter. Ein Getränk mit 8 Gramm Zucker pro 100 Milliliter wirkt auf den ersten Blick moderat. Doch eine typische Kinderflasche enthält 300 bis 500 Milliliter. Rechnet man um, kommen schnell 24 bis 40 Gramm Zucker zusammen – das entspricht bis zu 13 Zuckerwürfeln. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt für Kinder eine maximale tägliche Zuckermenge, die bei weniger als 25 Gramm liegt. Eine einzige Flasche Teegetränk kann diese Grenze also bereits überschreiten.
Untersuchungen zeigen, dass etwa 80 Prozent aller getesteten Kindergetränke mindestens 5 Gramm Zucker pro 100 Milliliter enthalten. Spitzenreiter erreichen sogar 8,8 Gramm. Diese Werte machen deutlich, dass es sich keineswegs um Einzelfälle handelt, sondern um ein systematisches Problem der gesamten Branche.
Die vielen Gesichter des Zuckers
Zucker versteckt sich in Schwarztee-Getränken hinter einer verwirrenden Vielfalt von Bezeichnungen. Glukosesirup, Fruktose, Dextrose, Maltodextrin, Invertzuckersirup oder Fruchtsaftkonzentrat – all diese Begriffe beschreiben letztlich dasselbe: Zucker in verschiedenen Formen. In der Nährwerttabelle werden diese Komponenten unter dem Begriff „davon Zucker“ zusammengefasst. In der Zutatenliste erscheinen sie jedoch einzeln und über den Text verteilt, wodurch der Eindruck entsteht, Zucker sei nur eine nebensächliche Zutat unter vielen.
Besonders tückisch sind Fruchtsaftkonzentrate. Sie klingen nach gesunder Frucht, sind aber hochkonzentrierte Zuckerquellen ohne die wertvollen Ballaststoffe frischer Früchte. Viele Eltern erkennen diese Zutat nicht als das, was sie tatsächlich ist: eine weitere Form von Zucker.
Wenn Tee kaum Tee enthält
Bei genauerer Betrachtung der Zutatenlisten wird schnell klar: Der Schwarztee-Anteil in vielen dieser Getränke ist minimal. Produkte dürfen sich bereits „Teegetränk“ nennen, wenn sie nur Spuren von Teeextrakt enthalten. Der Rest besteht hauptsächlich aus Wasser, verschiedenen Zuckerarten und Aromastoffen. Untersuchungen belegen, dass 21 von 33 geprüften Getränken weniger als zwei Prozent Fruchtsaft enthielten. Nur zwei von 54 untersuchten Produkten kamen ohne künstliche Aromastoffe aus. Der versprochene fruchtige Geschmack stammt also nicht von echten Früchten, sondern aus dem Labor.
Das verschwiegene Koffein-Problem
Was viele Eltern nicht wissen: Jedes Schwarztee-Getränk enthält Koffein. Eine Untersuchung der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein ergab, dass sämtliche 54 getesteten Eistees koffeinhaltig waren. Doch nur auf weniger als einem Drittel der Verpackungen fand sich ein entsprechender Hinweis. Rechtlich ist eine Koffeinangabe nicht verpflichtend, wenn Tee bereits in der Zutatenliste erwähnt wird – ein Schlupfloch, das viele Hersteller nutzen.

Für Kinder ist Koffein besonders problematisch. Ihr Körper baut die Substanz langsamer ab als der von Erwachsenen. Eine Tasse Schwarztee enthält zwischen 20 und 50 Milligramm Koffein. Für ein Kind mit einem Gewicht von 15 Kilogramm kann bereits ein Liter Teegetränk die sicherheitstechnische Grenze erreichen. Ernährungsexperten stufen koffeinhaltige Getränke für Kinder unter zehn Jahren grundsätzlich als ungeeignet ein. Mögliche Folgen sind Nervosität, Schlafstörungen und Konzentrationsprobleme.
Fehlende Referenzwerte für die Kleinsten
Ein weiteres fundamentales Problem der Nährwertkennzeichnung: Alle Referenzwerte beziehen sich auf erwachsene Durchschnittsverbraucher. Wenn auf einer Verpackung steht, dass eine Portion einen bestimmten Prozentsatz des Tagesbedarfs deckt, gilt dies für Erwachsene. Für ein sechsjähriges Kind kann dieselbe Menge bereits die Hälfte oder mehr des empfohlenen Maximums ausmachen. Diese Information fehlt komplett, obwohl viele dieser Produkte gezielt an Kinder vermarktet werden.
Langfristige Folgen für die Kindergesundheit
Der regelmäßige Konsum dieser versteckten Zuckerbomben hat ernsthafte Konsequenzen. Kinder entwickeln eine Präferenz für süße Geschmäcker, die sie oft bis ins Erwachsenenalter begleitet. Die steigenden Raten von Übergewicht und Typ-2-Diabetes bereits im Kindesalter stehen in direktem Zusammenhang mit dem Konsum gesüßter Getränke. Besonders fatal: Viele Eltern bieten diese Produkte als vermeintlich gesunde Alternative zu Limonade häufiger und in größeren Mengen an. Die gut gemeinte Entscheidung wird so zur täglichen Gesundheitsfalle.
So erkennen Sie die Tricks
Wer nicht in die Zuckerfalle tappen möchte, sollte beim Einkauf strategisch vorgehen. Rechnen Sie Nährwertangaben immer auf den gesamten Flascheninhalt um, nicht nur auf 100 Milliliter. Studieren Sie die Zutatenliste genau: Alle Begriffe, die auf „-ose“ enden oder das Wort „Sirup“ enthalten, sind verschiedene Zuckerformen. Je weiter vorne diese in der Liste auftauchen, desto höher ist ihr Anteil am Gesamtprodukt.
- Vergleichen Sie mehrere Produkte direkt miteinander – nur so erkennen Sie, welche tatsächlich weniger Zucker enthalten
- Bio-Produkte schneiden oft besser ab und enthalten durchschnittlich zwei bis vier Gramm weniger Zucker pro 100 Milliliter
- Seien Sie skeptisch bei Werbeaussagen wie „ohne Zuckerzusatz“ – diese bedeuten lediglich, dass kein Haushaltszucker zugefügt wurde, andere Zuckerarten können trotzdem enthalten sein
- Achten Sie auf Zusatzstoffe – nur vier von 54 untersuchten Produkten waren völlig frei davon
Selbstgemacht statt Supermarkt
Die sicherste Lösung besteht darin, Kindergetränke selbst herzustellen. Kräutertees oder Früchtetees lassen sich einfach aufbrühen, abkühlen und mit frischen Früchten oder einer kleinen Menge Saft aromatisieren. So behalten Sie die volle Kontrolle über Zuckergehalt und Zutatenqualität. Wasser bleibt ohnehin das beste Getränk für Kinder. Wer dennoch Abwechslung bieten möchte, kann ungesüßte Tees mit Zitronenscheiben, Gurkenstücken oder gefrorenen Beeren aufpeppen.
Was sich ändern muss
Verbraucherschutzorganisationen fordern seit Jahren strengere Kennzeichnungsvorschriften. Ernährungsexperten wie Selvihan Koç von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein verlangen verpflichtende Koffeinhinweise auf allen Eistees, besonders zum Schutz von Kindern. Kindergetränke sollten außerdem kindspezifische Referenzwerte ausweisen müssen. Eine farbliche Ampelkennzeichnung würde auf einen Blick zeigen, ob ein Produkt viel, mittel oder wenig Zucker enthält.
Bis diese Reformen umgesetzt werden, bleibt die Verantwortung bei den Eltern. Die komplizierten Nährwerttabellen zu durchschauen erfordert Zeit und Aufmerksamkeit. Doch wenn es um die Gesundheit unserer Kinder geht, ist dieser Aufwand mehr als gerechtfertigt. Jede bewusste Kaufentscheidung gegen überzuckerte Mogelpackungen ist ein Schritt in die richtige Richtung.
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