Eltern greifen beim Einkauf oft bewusst zu Vollkornkeksen, weil sie ihren Kindern eine vermeintlich gesündere Alternative zu herkömmlichen Süßigkeiten bieten möchten. Doch ein genauer Blick auf die Nährwerttabelle offenbart eine Praxis, die systematisch eingesetzt wird, um den wahren Zucker- und Kaloriengehalt zu verschleiern: unrealistische Portionsangaben.
Die Taktik der Mini-Portionen
Auf der Verpackung prangt stolz „nur 95 Kalorien pro Portion“ oder „enthält lediglich 4 Gramm Zucker“. Was zunächst vernünftig klingt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als geschickte Irreführung. Die angegebene Portion entspricht häufig gerade einmal einem oder anderthalb Keksen – eine Menge, die kein Kind beim Naschen tatsächlich einhält.
Konkret zeigt sich das Problem bei den Portionsgrößen einzelner Kekse: Sie liegen oft zwischen 5 und 8 Gramm pro Stück, was etwa 21 bis 36 Kalorien entspricht. Diese winzigen Mengen haben mit der Realität wenig gemein. Ernährungsberater empfehlen als angemessene Portionsgröße 3 bis 5 Kekse, was 15 bis 25 Gramm entspricht. Rechnet man die Nährwerte für diese realistische Verzehrmenge um, ergibt sich ein ganz anderes Bild als auf der Verpackung suggeriert wird.
Warum gerade bei Kinderprodukten besonders getrickst wird
Vollkornkekse für Kinder befinden sich in einer lukrativen Grauzone zwischen Süßigkeit und gesundem Snack. Hersteller nutzen dies geschickt aus, indem sie positive Attribute wie „Vollkorn“, „mit Vitaminen angereichert“ oder „Kalziumquelle“ prominent platzieren. Die gesundheitsbewussten Eltern fühlen sich in ihrer Kaufentscheidung bestätigt, ohne die tatsächlichen Nährwerte kritisch zu hinterfragen.
Die winzigen Portionsangaben ermöglichen es, unterhalb bestimmter Schwellenwerte zu bleiben, die für Werbeaussagen relevant sind. Ein Produkt mit „weniger als 100 Kalorien pro Portion“ klingt nun mal deutlich attraktiver als die ehrliche Angabe für eine realistische Verzehrmenge.
Der Vergleich entlarvt die Strategie
Besonders aufschlussreich wird es beim direkten Vergleich: Ein herkömmlicher Schokoriegel wird mit seiner tatsächlichen Verzehrmenge beworben, also dem kompletten Riegel. Bei Vollkornkeksen hingegen bezieht sich die Portionsangabe auf Bruchteile der Packung. Diese unterschiedliche Darstellungsweise macht einen objektiven Vergleich für Verbraucher nahezu unmöglich.
Rechnet man beide Produkte auf 100 Gramm um, zeigt sich ein überraschendes Bild: Die vermeintlich gesunden Vollkornkekse bewegen sich mit 425 bis 455 Kalorien pro 100 Gramm in einem ähnlichen Bereich wie klassische Süßigkeiten. Ein typischer Schokoriegel liegt bei etwa 450 bis 500 Kalorien pro 100 Gramm. Der einzige Unterschied liegt im Marketing und in der geschickten Präsentation der Nährwerte.
Die rechtliche Grauzone ausnutzen
Während die Lebensmittelinformationsverordnung vorschreibt, dass Nährwertangaben pro 100 Gramm oder 100 Milliliter erfolgen müssen, dürfen Hersteller zusätzlich freiwillig Portionsgrößen angeben. Diese „zusätzlichen“ Angaben werden dann allerdings oft deutlich prominenter dargestellt als die verpflichtende 100-Gramm-Angabe.
Die Regelung enthält keine klare Definition dessen, was eine „übliche Portion“ darstellt. Dieser Spielraum wird konsequent ausgenutzt. Eine Untersuchung der Verbraucherzentrale Hamburg analysierte 23 Kekspackungen und stellte eine absurde Variabilität fest: Die Portionsgrößen reichten von 5 Gramm bis 44 Gramm – für Produkte desselben Typs. Diese extreme Inkonsistenz zeigt, dass Hersteller die Portionsgröße so wählen, wie es für die Darstellung ihrer Produkte am vorteilhaftesten ist.
Wenn Vollkorn zur Nebelkerze wird
Der Begriff „Vollkorn“ suggeriert Gesundheit und Natürlichkeit. Tatsächlich bieten Vollkornkekse durchaus einen ernährungsphysiologischen Vorteil: Sie enthalten etwa 6 Gramm Ballaststoffe pro 100 Gramm, was den glykämischen Index senkt und länger sättigt als Produkte aus raffiniertem Mehl. Dennoch rechtfertigt dieser Vollkornanteil nicht automatisch den hohen Zucker- und Fettgehalt, der oft notwendig ist, um Vollkornprodukte geschmacklich attraktiv zu machen. Das Vollkorn dient hier primär als Marketinginstrument, während die tatsächliche Kaloriendichte der von konventionellen Süßigkeiten entspricht.

So entlarven Sie unrealistische Portionsangaben
Es gibt mehrere Strategien, mit denen Sie als Verbraucher die tatsächlichen Nährwerte einschätzen können. Ignorieren Sie die Portionsangaben komplett und orientieren Sie sich ausschließlich an den Werten pro 100 Gramm. Nur diese ermöglichen einen fairen Vergleich zwischen verschiedenen Produkten. Wiegen Sie einmal nach, wie viel Ihr Kind tatsächlich isst – diese Erkenntnis ist oft ernüchternd, aber hilfreich für eine realistische Einschätzung.
Rechnen Sie selbst um: Wenn eine Packung 200 Gramm enthält und als „6 Portionen“ deklariert ist, wissen Sie sofort, dass mit absurd kleinen Mengen gerechnet wird. Achten Sie auf die Zuckerliste: Zucker versteckt sich unter vielen Namen wie Glukosesirup, Fruktose, Maltodextrin oder Invertzuckersirup. Die Gesamtmenge ergibt sich erst aus allen süßenden Zutaten zusammen.
Die Industrie reagiert – halbherzig
Nach zunehmender Kritik von Verbraucherschützern haben einige Hersteller begonnen, realistischere Portionsgrößen anzugeben. Allerdings geschieht dies noch immer auf freiwilliger Basis und bei weitem nicht flächendeckend. Die Angst vor sinkenden Verkaufszahlen, wenn die wahren Nährwerte prominenter dargestellt werden, ist offenbar größer als das Interesse an transparenter Kommunikation. Besonders problematisch wird es, wenn auf Kinderpackungen bunte Figuren und Spiele abgebildet sind, die vom eigentlichen Inhalt ablenken sollen. Die Nährwerttabelle findet sich dann in kleiner Schrift auf der Rückseite, während vorne große Versprechungen gemacht werden.
Was sich ändern müsste
Verbraucherschützer fordern seit langem eine Standardisierung der Portionsangaben innerhalb von Produktkategorien. Wenn alle Kekshersteller dieselbe Portionsgröße als Referenz verwenden müssten, wäre die Vergleichbarkeit deutlich erhöht und die Irreführung erschwert. Eine verpflichtende Ampelkennzeichnung auf der Vorderseite der Verpackung würde zusätzlich für mehr Klarheit sorgen. Ein roter Punkt beim Zuckergehalt würde auf einen Blick zeigen, dass es sich um ein zuckerreiches Produkt handelt – unabhängig davon, wie klein die angegebene Portion ist.
Praktische Alternativen für den Alltag
Die Erkenntnis über irreführende Portionsangaben muss nicht bedeuten, dass Kinder keine Kekse mehr essen dürfen. Vielmehr geht es darum, bewusste Entscheidungen zu treffen:
- Portionieren Sie selbst: Füllen Sie eine angemessene Menge in eine Dose ab, statt die ganze Packung bereitzustellen.
- Kombinieren Sie Kekse mit Obst oder Nüssen, um den Blutzuckeranstieg abzumildern und die Sättigung zu erhöhen.
Backen Sie gelegentlich selbst – so haben Sie die volle Kontrolle über Zutaten und Portionsgrößen. Erklären Sie Ihren Kindern altersgerecht, warum nicht die ganze Packung auf einmal gegessen werden sollte. Diese einfachen Maßnahmen helfen dabei, einen entspannten Umgang mit Süßigkeiten zu entwickeln, ohne in die Fallen der Lebensmittelindustrie zu tappen.
Der mündige Verbraucher als Gegenmittel
Die Taktik der unrealistischen Portionsgrößen funktioniert nur, solange Verbraucher die Angaben ungeprüft akzeptieren. Je mehr Menschen lernen, Nährwerttabellen kritisch zu lesen und die Marketingtricks zu durchschauen, desto weniger lohnt sich diese Form der Irreführung für Hersteller. Teilen Sie Ihr Wissen mit anderen Eltern, sprechen Sie beim Einkauf mit Ihren Kindern über die Unterschiede zwischen Werbeversprechen und Realität. Diese Aufklärung ist der wirksamste Schutz gegen die systematische Verschleierung von Zucker- und Kaloriengehalten durch manipulative Portionsangaben.
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