Pesto gehört zu den beliebtesten Fertigsaucen in deutschen Supermärkten. Die grüne oder rote Paste aus Italien verspricht mediterranes Flair und lässt uns von Genua, Ligurien und der italienischen Küste träumen. Doch ein Blick auf die Verpackung wirft oft mehr Fragen auf als er beantwortet: Woher kommt das Pesto eigentlich wirklich? Die Kennzeichnungsvorschriften sind komplex, und viele Hersteller nutzen rechtliche Grauzonen geschickt aus, um Verbrauchern ein bestimmtes Herkunftsbild zu vermitteln, das nicht immer der Realität entspricht.
Der Unterschied zwischen Firmensitz und Produktionsort
Ein häufiges Missverständnis entsteht durch die Verwechslung von Firmensitz und tatsächlichem Produktionsstandort. Wenn auf einem Pestoglas „hergestellt für“ oder „vertrieben durch“ eine italienische Adresse steht, bedeutet dies keineswegs, dass das Produkt dort produziert wurde. Rechtlich ist lediglich der Unternehmenssitz anzugeben, während der Produktionsort oft im Kleingedruckten versteckt oder gar nicht erwähnt wird.
Manche Hersteller gehen noch einen Schritt weiter und registrieren Tochterunternehmen in Italien, obwohl die Produktion vollständig in anderen Ländern stattfindet. Diese Praxis ist legal, führt aber dazu, dass wir beim Kauf von einem italienischen Ursprung ausgehen, der faktisch nicht existiert. Das ist besonders ärgerlich, wenn man gezielt italienische Produkte unterstützen möchte.
Verpackungsdesign als geschickte Täuschung
Die visuelle Gestaltung spielt eine zentrale Rolle bei der Wahrnehmung der Herkunft. Italienische Flaggen, Abbildungen der toskanischen Landschaft oder Namen, die an bekannte italienische Regionen erinnern, erwecken gezielt Assoziationen. Diese grafischen Elemente sind rechtlich meist unbedenklich, auch wenn die Zutaten aus völlig anderen Weltregionen stammen.
Besonders raffiniert sind Produkte, die Qualitätssiegel oder Auszeichnungen tragen, die italienisch klingen, aber keine offizielle Herkunftsgarantie darstellen. Ein „Premio“ oder „Selezione“ mag hochwertig wirken, sagt aber nichts über die tatsächliche Produktion aus. Hier wird gezielt mit unseren Erwartungen gespielt.
Die Herkunft der einzelnen Zutaten verstehen
Selbst wenn ein Pesto tatsächlich in Italien abgefüllt wurde, bedeutet dies nicht, dass die Zutaten von dort stammen. Basilikum kann aus verschiedenen Ländern außerhalb Italiens kommen, etwa aus Ägypten oder Israel. Auch Käse wird oft in anderen europäischen Ländern produziert, und das Olivenöl kann aus Spanien, Griechenland oder nordafrikanischen Ländern stammen.
Die EU-Verordnungen verlangen bei verarbeiteten Produkten wie Pesto keine detaillierte Herkunftsangabe für jede einzelne Zutat. Die Angabe „EU-Landwirtschaft“ oder „Nicht-EU-Landwirtschaft“ auf der Rückseite gibt lediglich einen groben Hinweis, bleibt aber bewusst vage. Diese Formulierungen sind rechtlich ausreichend, für uns als Verbraucher aber wenig aussagekräftig.
Geschützte Herkunftsbezeichnungen als verlässliche Orientierung
Die Geschichte von Pesto beginnt in der italienischen Region Ligurien, speziell in Genua, wo sich die Rezeptur im 19. Jahrhundert in ihrer heutigen Form entwickelte. Authentisches Pesto aus dieser Region kann die Bezeichnung Pesto Genovese DOP garantiert Herkunft tragen. Das DOP-Siegel schützt Herkunft und garantiert, dass Herstellung und Zutaten aus einem definierten geografischen Gebiet stammen und traditionellen Produktionsmethoden folgen.
Die Originalrezeptur besteht aus Basilikum Genovese DOP, nativem Olivenöl extra, Parmigiano Reggiano, Pecorino Sardo, Pinienkernen, Knoblauch und Meersalz ohne Zusatzstoffe oder Erhitzung. Das ligurische Basilikum zeichnet sich durch sein mildes, süßliches Aroma ohne Mentholnoten aus. Echter Pesto alla Genovese ist ein Frischeprodukt mit intensivem Geschmack.
Viele Hersteller nutzen jedoch Bezeichnungen wie „nach Art von“ oder „Rezeptur inspiriert von“, um die Assoziation herzustellen, ohne die strengen DOP-Auflagen erfüllen zu müssen. Diese Formulierungen sind ein klares Zeichen dafür, dass das Produkt nicht den geschützten Herkunftskriterien entspricht.

Wo die relevanten Informationen wirklich stehen
Die wichtigsten Hinweise zur tatsächlichen Herkunft verstecken sich meist im Kleingedruckten auf der Rückseite oder am Boden der Verpackung. Die Angabe „hergestellt in“ gefolgt von einem Ländernamen ist der verlässlichste Indikator für den Produktionsort. Fehlt diese Information komplett, ist Vorsicht geboten. Bei tierischen Produkten gibt die ovale Kennzeichnung mit dem Veterinärstempel Aufschluss über den Herstellungsbetrieb und das Land, wo zumindest die Endverarbeitung stattfand.
Industrielle Produktion versus traditionelles Handwerk
Industriell hergestelltes Pesto weicht erheblich von der traditionellen Rezeptur ab. Statt hochwertigem Olivenöl wird häufig Sonnenblumenöl verwendet, Cashewkerne ersetzen die teureren Pinienkerne, und durch Pasteurisierung wird das Produkt haltbar gemacht. Diese Abweichungen sind besonders bei exportiertem Pesto verbreitet, das in Märkten wie Deutschland verkauft wird.
Extrem niedrige Preise sollten kritisch hinterfragt werden: Authentisches italienisches Basilikum, hochwertige Pinienkerne und natives Olivenöl extra haben ihren Preis. Ein 190-Gramm-Glas echtes Pesto Genovese DOP liegt selten unter acht Euro. Dennoch garantiert ein hoher Preis nicht automatisch italienische Herkunft. Manche Hersteller nutzen das Premiumimage für entsprechende Preisgestaltung, ohne dass die Produktqualität oder Herkunft dies rechtfertigt.
Die Zutatenliste richtig interpretieren
Die Reihenfolge der Zutaten verrät viel über die Zusammensetzung. Nach europäischer Lebensmittelkennzeichnung müssen Zutaten in absteigender Reihenfolge ihres Gewichtsanteils aufgelistet werden. Was zuerst steht, ist mengenmäßig am stärksten vertreten.
Bei traditionellem Pesto sollten Basilikum und Olivenöl ganz oben stehen. Finden sich dort stattdessen Sonnenblumenöl, Cashewkerne oder Kartoffelflocken als Füllstoff, deutet dies auf eine industrielle Produktion mit kostengünstigen Zutaten hin. Auch die Herkunftsangaben einzelner Hauptzutaten können aufschlussreich sein. Manche Hersteller geben freiwillig an „mit italienischem Basilikum“ oder „natives Olivenöl extra aus Italien“. Fehlen solche Hinweise, stammen die Zutaten höchstwahrscheinlich nicht aus Italien.
Was du konkret tun kannst
Um die tatsächliche Herkunft zu ermitteln, lohnt sich ein mehrstufiger Check:
- Betrachte die Vorderseite kritisch und frage dich, welche Assoziationen geweckt werden
- Suche auf der Rückseite nach der „hergestellt in“-Angabe
- Prüfe die Zutatenliste auf Qualität und mögliche Herkunft der Rohstoffe
- Recherchiere bei Zweifeln online zum Hersteller
Wer Wert auf authentische Herkunft legt, sollte gezielt nach DOP- oder IGP-Siegeln suchen oder direkt bei spezialisierten Feinkosthändlern kaufen, die transparente Informationen zur Lieferkette bereitstellen. Auch der direkte Kontakt zum Hersteller über die angegebene Website kann Klarheit schaffen – seriöse Unternehmen beantworten solche Anfragen in der Regel bereitwillig.
Dein Einfluss durch bewusste Kaufentscheidungen
Die Forderungen nach transparenteren Herkunftskennzeichnungen werden lauter. Verbraucherschutzorganisationen setzen sich dafür ein, dass bei verarbeiteten Produkten die Herkunft der Hauptzutaten verpflichtend angegeben werden muss. Bislang scheiterten entsprechende Initiativen jedoch am Widerstand der Lebensmittelindustrie und an der komplexen internationalen Lieferkette.
Du hast durch dein Kaufverhalten Einfluss: Wer gezielt nach Transparenz fragt und Produkte mit klaren Herkunftsangaben bevorzugt, setzt ein Signal an die Industrie. Je mehr Nachfrage nach nachvollziehbarer Herkunft besteht, desto eher werden Hersteller diese Informationen freiwillig bereitstellen. Der bewusste Einkauf ist der wirksamste Hebel für mehr Klarheit im Supermarktregal und zeigt, dass uns die Herkunft unserer Lebensmittel nicht egal ist.
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